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Geburtsbericht

Sylvia (Sommer 2007)

Eigentlich begann die Geburt zum Zeitpunkt als der Chefarzt Dr. Nitzsche des Krankenhauses Dresden-Neustadt mit fachmännischer Überzeugung verkündete: »Innerhalb der nächsten 24 h werden sie ihr Kind geboren haben. Das CTG zeigte zwar keine Wehen, aber die Gebärmutteröffnung sei schon weich.« Die Senk- und Übungswehen müssen ausreichend gewirkt haben, dachten wir uns und fragten uns natürlich, woher nimmt er diese Sicherheit noch zusagen: »Den Termin zum CTG um 10.00 Uhr morgen werden sie nicht mehr wahrnehmen.« Voller Erstauen und Vorfreude über diese Tatsache gingen wir noch einmal in der Jungen Heide die volle Herbststimmung genießen, es war der 01.11.07. Seit Beginn der Schwangerschaft und bereits im Vorfeld bestand der Wunsch, unser Kind ambulant im Hebammenhaus zu entbinden. Aufgrund der Beckenendlage mußte meine Freundin Sylvia unser Kind im Kreißsaal auf die Welt bringen. Unser Kind fühlte sich seit der 26 SW in dieser Lage wohl und blieb trotz Mocksen, indischer Brücke und Vier-Füßlerstand seiner Lebenslage treu.

»Du, Marcus, ich glaube meine Fruchtblase ist geplatzt.« 5.30 Uhr noch völlig im Schlaf antwortete ich: »Muss ich jetzt den Krankenwagen rufen?« Nachdem ich mich bei einer Hebamme des Neustädter Krankenhaus vergewisserte, auch müsse meine Freundin liegen bleiben, orderte ich den Notdienst. Ich war noch nicht richtig angezogen, Sylvia hatte bereits eine kleine Wäsche im Bett genommen und war in ihre Kleidung geschlüpft, da waren zwei nette Männer in Rot da und trugen meine Freundin davon. Zu diesem Zeitpunkt hatte Sylvia noch keine Wehen. Ich hingegen wehte durch die Wohnung; schmierte mir ein paar Schnitten, kochte Tee und flog ihr mit allem hinterher. Zum Glück hatten wir seit Wochen, noch dazu war unser Kind eine Woche überfällig, alles zurecht gelegt. Die to- do- Liste war erledigt.

6.15 Uhr lag Sylvia am CTG und dieser schrieb leichte Anzeichen von Wehen, die sich in der nächsten halben Stunde verstärkten. Da wir als erste im Kreißsaal eintrafen, bekamen wir das große und schönste Geburtszimmer. Am heutigen Tag, ein Fruchtblasensprungwettertag, versammelten sich insgesamt vier Schwangere innerhalb von 3 Stunden auf Station. Gegen 7.30 Uhr bezogen wir temporär unser Zimmer, unsere Hebamme Claudia stellte sich uns vor. Wir waren die ganze Zeit spitze in ihren Händen aufgehoben. Sylvia bekam ihr schnurloses CTG umgeschnallt, während dem ich sämtliche Sachen verstaute und den ganzen Geburtskram zurecht legte. CD´s, Kreuzbein- und Geburtsmassageöl, Tee und Traubenzucker, Schnitten und den Fotoapparat, den ich nie benutzte. Sylvia erhielt noch ein Spasmo, welches das Becken und den Gebärmutterhals weichen sollte. Den Einlauf erhielt sie gleich darauf. Langsam verstärkten sich die Wehen, so dass Sylvia ihr erlerntes Können unter Beweis stellen konnte »Auf der Wehe surfen und mit der Wehe gehen.«

Exkurs.: Der Vorteil eines Krankenhauses ist die Vollverpflegung, Sylvia genoß ein Minimalfrühstück während ich meine Knifften aß. Zwischendurch hörten wir die zusammen gestellte Mugge, die, wie wir später feststellten, allerorts zu vernehmen war, auf der Toilette, dem Gang, den anderen Geburtsräumen und den Schwesternzimmer.

In den Zwischenwelten, Zeitraum zwischen zwei Wehen, gingen wir gemeinsam im Zimmer spazieren, tranken Tee und beobachteten das Treiben im Kreißsaal. Hin und wieder schaute die Oberärztin, die Beckenendlagenspezialistin, vorbei, begutachtete die Aufzeichnungen, untersuchte den Muttermund und sagte: »Die Abstände und Amplitude der Wehen sind hervorragend, nur die Dauer ist zu gering. So wird das nichts werden.« Es war nun gegen 9.00 Uhr, der Mund war knapp 3 cm offen. Der Einlauf hatte längst seine Wirkung getan. Alles in allem waren wir zufrieden und veratmeten die Wehen. Da gegen 9.30 Uhr die Wehen ihr graphisches Erscheinungsbild nicht veränderten, entschied die Oberärztin die Gabe von Wehenmittel. So kam Sylvia an den Tropf und war an das Bett gefesselt. Gleich zur nächsten Wehe verspürte sie die Veränderung, ein hammerhartes Ding, dreifach so lang und etwas stärker im Ausschlag, presste ihr Gesicht in die Matratze, ab dem Zeitpunkt sang Sylvia das Wehenlied. Was vorher leicht mit Atmung bewältigbar schien, mußte zusätzlich verstöhnt werden. Der Vorteil, ab diesem Zeitpunkt weitete sich der Mund spürends.

Der Bewegungsradius von Sylvia war nun sehr eingeschränkt, Seitenlage links oder rechts. Alle erprobten Stellungen im Geburtenkurs waren hinfällig, auf den Spass hätten wir bei Steffi jedoch nicht verzichten wollen. Erschwerend machte die Lage der Nabelschnur der Oberärztin und der Hebamme Sorge. In rechter Seitenlage verringerte sich der Pulsschlag des Ungeborenen zum Wehenzeitpunkt auf 75 Schläge, danach kletterte er wieder auf 150. Das war ein Wechselbad, da ich dies nicht beurteilen konnte. Einmal wurde sogar der Chefarzt Not gerufen, weil das CTG keinen Puls anzeigte. Zum Glück Fehlalarm, doch sahen wir Dr. Nietzsche vom Vortag, dem ich am Gesicht ablesen konnte: »Hab ich es nicht gesagt.« Seitdem empfand ich das CTG störend weil ich es bei jeder Wehe zu sehr fixierte. Das Kleine hatte stark zu kämpfen. Die Wehen und die Keilform bedingt durch die Lage brachten trotz des Kampfes keinen richtigen Erfolg bezüglich der Gebärmuttermundöffnung. Daher wurde die Wehenmitteldosis auf Anordnung der Oberärztin erhöht. Vielleicht wollte die bloß pünktlich Feierabend haben. Die Dosis betrug kurz vor der Geburt 400, also eine Steigerung um fast 200 %.

Zurück zu Sylvia, die im Liegen jede Höhe und Länge der Wehen überwand. Dem Kleinen gefiel es linksseitig besser, Sylvia schien dies egal zu sein. Das Kissen zwischen den Beinen wurde gegen 10.30 Uhr durch den Bein-Schenkel-Halter ersetzt, der Muttermund weitete sich, das Kleine rutschte tiefer und tiefer. In diesem Moment war die Öffnung 8 cm groß, das Mittel und die Dosis hielt Wort. 11.00 Uhr betrug die Öffnung fast 10 cm. Nun durfte Sylvia über einen Katheder auch ihre Blase entleeren. Meine Aufgaben bestanden darin Tee zu reichen, diesen zum Abkühlen zu bringen und ev. Traubenzucker beizumischen, das Zimmer zu lüften, das Kreuzbein zu massieren, Duftöl nachzugeben, ihre Stirn mit Wasser zu benetzen oder in Wehenpausen Sylvia zu herzen. In der Wehenphase bestand Sylvia darauf, sie nicht anzufassen, nicht bei der Atmung zu führen, sondern nur einfach machen zu lassen. War nicht immer ganz leicht, besonders da all dies die Hebamme Claudia durfte. Nach unzähligen Wehenwegatmenphasen gepaart mit Wehenliedern und Schweißperlen auf der Stirn wurden die Gerätschaften im Geburtsraum mit grünen Tüchern getarnt, Hebamme Claudia legt sorgfältig alle Utensilien zurecht und bereitete das große Finale vor. Es war 11.30 Uhr, 12 cm Durchmesser des Muttermundes, der Arsch des Kleinen spürbar in den Beckenraum eingetreten, Sylvia durfte jede 3. oder 4. Wehe pressen. Die zwischendrin wurde weg geatmet, gehechelt, hyperventiliert, wie auch immer, die härteste Prüfung für Sylvia. Der Erfolg der Presswehen war spärlich, die Keilform veranlaßte, dass das Kleine nach jeder Pressung leicht zurück rutschte. Ab diesem Moment hatten besonders die Oberärztin und die Hebamme viel Spass mit dem Kindspech. Für Sylvia war der Spass längst vorbei, aufgrund der schwächer werdenden Presswehen wurde das Pressen schwerer. Die Dosis wurde letztmalig erhöht. Nach letztem Ertasten des Mundermundes und der Entfernung des Kindspeches war den Fachkräften das Geschlecht bekannt, Oberärztin und Hebamme hatten zusätzlichen Spass, indem sie einmal von Prinzessin und einmal vom Buben sprachen, wir wußten gar nichts mehr. Die Uhr zeigte 11.45. Zusätzlich versammelte sich weiteres Personal im Raum. Sylvia lag seit 10 Minuten bereits in beiden Schenkelhalterungen und krallte sich an dieser bei jeder Pressung fest. Sie spürte keine Wehe mehr. Die Oberärztin feuerte Sylvia an; »Los komm schon, noch mal kräftig, du schaffst das.« Das Kleine schob sich nur spärlich gegen die Öffnung. Ob der Po herausschaute vor den letzten Anstrengungen kann ich nicht sagen, da mein Bereich hinten am Kopf von Sylvia war. Gegen 11.50 Uhr waren neben Sylvia, dem noch Ungeborenen und mir noch 5 weitere Kräfte, die Oberärztin, Hebamme Claudia, eine weitere Hebamme, eine Kinderärztin und eine Ärztin in Ausbildung. Jede hatte ihre Position eingenommen. 11.55 Uhr schnitt die Oberärztin den Damm, die Ärztin in Ausbildung spritzte das finale Wehenmittel, die Hebamme ohne Namen saß auf Sylvia´s Oberkörper und preßte mit ihren Fäusten gegen Sylvias Bauch, die Kinderärztin stand für den Neugeborenencheck bereit, Hebamme Claudia und die Oberärztin standen vor der Öffnung und hielten ihre Arme dem Neugeborenen entgegen. 2 mal Pressen und der Kleine wurde von der Oberärztin in den Händen gehalten und behutsam, soweit ich das beurteilen kann, aus dem Beckengang heraus gedreht, unterstützt von Hebamme Claudia. In kürzester Zeit wurde die Nabelschnur durchtrennt und der Kleine der Kinderärztin übergeben. Mit der Oberärztin gemeinsam hauchten sie den noch leblos und bläulich blass scheinenden Körper Leben ein, die Lunge wurde vom Fruchtwasser befreit und der Sauerstoff verhalf der Lunge sich zu aktivieren. Kurz darauf die ersten Schreiversuche. Alles in Ordnung, geschafft. Ich hielt Sylvia´s Arm und streichelte sprachlos ihr Gesicht, erste Tränen rannen über unserer Gesichter. Der Kleine wurde gewogen und gemessen, gewaschen und für kurze Zeit auf Sylvia´s Brust gelegt. Danach mußte er sich auf Anordnung der Kinderärztin in der Box stabilisieren. Zwischendurch wurden wir gefragt, ob wir das Geschlecht wissen wollten, ein Junge, und der Name für das Protokoll, Niklas. Mit c oder k, dass war uns in diesem Moment Scheiß egal. Zusammengefaßt: Niklas Krause (mit k) erblickte aus einer Beckenendlage am 02.11.07 um 11.57 Uhr mit eine Länge von 52 cm, einem Gewicht von 3580 g (ohne Kindspech) und einem Kopfumfang von 36 cm das Licht der Welt. Vom Blasensprung bis zur Niederkunft vergingen 6 Stunden und 27 Minuten.

Alles was danach geschah erwähne ich der Vollständigkeit halber. 12.00 Uhr erfolgte die Nachgeburt. Die Untersuchung der Plazenta ergab keine Auffälligkeiten. Auch die Gebärmutter wies keinerlei Unregelmäßigkeiten auf. Kurz darauf wurde der Dammschnitt genäht, für Sylvia war dies anstrengender und angsterfüllter als die Geburt selbst. Ich bin froh, dass ich noch alle Finger habe. Nach allem sah die Oberärztin in ihrer weißen Gummischürze wie eine Schlächterin aus. Bei diesem Anblick schauderten wir leicht. Niklas schaute dem ganzen Treiben aus kurzer Entfernung zu und kräftige durch hörbares Schreien seine Lunge. Ab 12.30 Uhr war im Geburtsraum Ruhe eingekehrt. Sylvia erhielt über den Tropf Glucose, sie hatte 400 ml Blut verloren. Beide schauten wir voller Freude auf unseren Sohn und weinten herzlichst. Der Zustand von Sylvia zwang sie im Krankenhaus zu bleiben. Um 14.15 Uhr, nach ausgiebigem Mittag und Räumung des Geburtszimmer wurde Sylvia mit klein Niklas im Arm auf die Wöchnerinnenstation verlegt. Bevor Mutter und Sohn selig einschliefen, gönnte Niklas sich noch einen kleinen Schluck aus der Brust. Ich fuhr nach Hause, um die Besorgungen für den nicht geplanten Krankenaufenthalt nachzuholen, und schloß wenig später beide in meine Arme.