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Geburtsbericht

Marias zweites Kind – Eine Hausgeburt (Sommer 2005)

Nach etlichen Vorwehen habe ich keine Lust mehr. Ich bin schon etwas über den Termin, aber meine Geduld ist am Ende. Ich bitte Steffi zum Hausbesuch zu kommen, dass wir gemeinsam überlegen können, welchen Wink wir dem Baby in meinem Bauch geben können. Steffi führt mich in die Kunst des »Stripping« ein und ich massiere meine schöne Murmel mit Eisenkrautöl. Wir geben meinem Baby und dem Kugelbauch die Kündigung! Und wirklich, ich verspüre ein leichtes Ziehen. Ich werde auch in der Nacht geweckt, schlafe aber gut bis 5.oo Uhr morgens. Ich stehe auf, frühstücke eine Kleinigkeit, und finde die Wehen langsam ganz ordentlich. Der Stuhlgang deutet eine voraussichtliche Geburt an. Der Abstand der Kontraktionen beträgt 10 Minuten und ich beatme die Wehen ganz gut. Auch Jonas meint dann, mit mir Wehen zu haben und schmeißt sich vor lauter Solidarität mit auf das Bett, weil Mama doch so komisch stöhnt. Nachdem ich in der Badewanne war und die Wehen weiter gehen, bin ich zuversichtlich, dass es wirklich etwas wird. Gegen 10.00 Uhr löst sich der Schleimpfropf und ich staune über seine interessante Konsistenz. Tomas und Jonas machen einen Spaziergang. Ich bereite alles vor (Folie auf Bett, Unterlagen, Eimer, Kaffee, ...) Ich habe weiterhin Wehen, die aber nicht stärker werden. Ich bewege mich viel. Ich finde immer wieder Positionen, in denen ich gut entspannen kann (Vierfüßlerstand, tiefe Hocke sind mir sehr angenehm). Meine Männer essen zu Mittag, ich habe keinen Appetit. Als Jonas sein Mittagsschläfchen macht, überlege ich, wie ich die Wehen noch mehr in Gang bringen könnte. Mir fällt ein Angebot von I. Stadelmann ein: »So wie das Kind entsteht, bringen es die Eltern auf den Weg.« Dank der natürlichen Prostaglandine habe ich ab 15.00 Uhr heftige Wehen aller 3 - 4 Minuten. »Scheiße, dass das wieder so weh tut!« Spätestens jetzt ist mir klar, dass die Geburt nicht mehr weit sein kann. Ich denke an meine erste Geburt und an alle Frauen, die diesen Schmerz erleiden. Gegen 16.30 Uhr bringt Tomas unseren Sohn zu Regina einer lieben Freundin mit zwei Kindern, die bei uns im Haus wohnt.

Wir hatten im Vorfeld viel darüber nachgedacht, was wir im Moment der Geburt mit Jonas machen. Einem Trend zu folgen, auch schon ganz kleine Geschwisterkinder bei der Geburt dabei zu haben, kam mir für Jonas nicht in Frage. Ich befürchtete, ihn damit zu überfordern. Er sollte zwar sein Geschwisterchen als Teil der Familie begreifen und nicht als Mitbringsel aus einem Krankenhaus, aber die Mama außer sich zu erleben, vielleicht schreiend, kraftvoll in einem tierischen Prozess, hätte ihm sicherlich Angst bereitet oder zumindest großes Unverständnis. Deswegen war es zwischen Tomas und mir auch klar, sollte der Geburtsverlauf zeitlich so unpassend sein, dass es keine gute Betreuung für Jonas geben würde, dann hätte ich nur mit Steffi das Kind bekommen und Tomas wäre für Jonas da gewesen.

Der Abschied fällt uns schwer. Obwohl wir wissen, dass Jonas in besten Händen ist, empfinden wir Zerissenheit. Es ist komisch, denn wenn wir ihn wieder abholen, werden wir schon zu viert sein.

Wenig später kann ich mich dann aber sehr gut auf das Geschehen und unser zweites Kind konzentrieren. Jetzt kann ich mich absolut fallen lassen. Ich informiere Steffi über den Stand der Dinge. Ich werde sie wieder anrufen, wenn ich der Meinung bin, dass sie zu uns kommen soll.

Gegen 18.30, nach zwei Stunden ordentlicher Wehenarbeit (alle 3 Minuten), bitte ich Steffi zu kommen. »Hier riecht es nach Geburt!« meint sie, als Steffi unser Wohnzimmer betritt. Ich lege mich für die Untersuchung kurz auf die Couch. Dem Kind geht es prima, der Muttermund ist 3 cm eröffnet. Etwas enttäuscht bin ich schon, denn die Wehen sind schon so kraftvoll. Bei diesem Befund gehe ich davon aus, dass es eine Weile dauern wird. Das ist auch in Ordnung, weil ich nach Jonas rasanter Geburt, mir für die zweite mehr Zeit wünschte. Ich schicke Steffi wieder nach Hause, mit den Worten, sie könne ihr Kind ja noch zu Bett bringen, wir sehen uns dann am späten Abend wieder. Steffi respektiert meine Entscheidung, bietet mir aber auch an, da zu bleiben. Steffis Hinweis, dass es auch ganz schnell gehen kann, wenn die Fruchtblase springt, sollte sich noch bewahrheiten.

Ich will mir noch eine kleine Verschnaufpause gönnen und in der Wanne entspannen. Tomas und ich denken gemeinsam daran, dass alles anders werden wird. Tomas läßt mir Wasser ein und meine Fruchtblase platzt während der Wehe. Ein kleiner warmer, klarer Schwall ergießt sich im Wohnzimmer auf den Dielenfußboden. Ich freue mich- klares Fruchtwasser! Also ist alles in Ordnung. Ich bitte Tomas bei Steffi anzurufen, ob ich trotz geplatzter Fruchtblase noch in die Wanne gehen kann. Als Tomas wieder auflegt, habe ich die erste Wehe mit Pressdrang. Ich gehe ins Bad. Bei der nächsten heftigen Wehe, gebe ich Tomas ein Zeichen. Steffi muss jetzt ganz schnell kommen!!! Ich knie mich vor die Wanne. Ich befürchte doch noch mal kacken zu müssen, schaffe es nicht ganz bis zum Klo. Tomas wischt die Exkremente wohl weg, mir tut es kurz leid, aber die Wehen gewinnen Überhand. Noch versuche ich sie gut zu beatmen, spüre aber schon das Kind, wie es tiefer gesunken ist und mich bald ausfüllen wird. Ich bin mächtig laut geworden. Dann kommt Steffi zur Wohnungstür herein. »Ich habe solch einen Pressdrang!« Noch immer kann ich nicht so recht glauben, dass es nun nicht mehr lange dauert. Bei Jonas musste ich damals meinen Pressdrang weghecheln, auf einem Bett liegend, das CTG umgeschnallt. Das war fürchterlich.

Doch Steffi motiviert mich. Ich empfinde es fast als eine Art Vorfreude: Ja, das Kind wird jetzt geboren!!!

Ja!!! Ich spüre das Köpfchen in mir sehr deutlich. Steffi gibt mir Sicherheit und zu verstehen, dass das Baby gleich kommt, und ich alles richtig mache. Ich liege in der Wanne und habe die meiste Zeit geschlossene Augen, um mich auf die Wehen zu konzentrieren. Ich brauche nichts, nur die Gewissheit, dass Tomas und Steffi da sind. Ich nutze die Wehenpausen zum Atmen und schiebe in den Wehen mit. Ich brülle mein Kind heraus. Steffi bestärkt mich und ich taste mit meinen Händen zwischen den Beinen. Ich fühle es sehr gut, wie weit es vorwärts geht, wie sehr es raus möchte, die stechenden Schmerzen sind nebensächlich. Ich erlebe den Drang des Lebens in meiner Vagina, bei vollstem Bewußtsein, unendlich konzentriert. Einer der unwiederbringlichsten und kostbarsten Momente!

Ich bin in der Wanne nur etwas aufgerichtet, das rechte Bein auf den Wannenrand gestützt, als das Köpfchen geboren wird. Aber schon flutscht der Rest hinterher. Wow! So Schnell! Ich bin glücklich! Steffi nimmt ihn in Empfang. Aus Steffis liebevollen Händen kommt Louis auf meine Brust. Es ist 20.05 Uhr. Seit 11 Minuten ist Steffi effektiv bei uns. Ich halte Louis, meine Beine zittern. Ich sehe noch kein Gesicht, bin aber unendlich froh und zuversichtlich ein gesundes Baby an der Brust zu haben. Mich erstaunt die Festigkeit der Nabelschnur, die langsam auspulsieren darf. Tomas nabelt seinen Sohn ab und die Placenta wird vollständig geboren. Nun sieht das Wasser langsam unappetitlich aus. Während die Placenta auf unserem Wannenrand parkt, stelle ich mich zum Abduschen auf. Das macht mir keine Mühe, ich fühle mich nicht einmal sonderlich erschöpft. Ich trockne mich ab, steige mit Steffis Hilfe aus der Wanne, ziehe mir ein Nachthemd an und gehe ins Schlafzimmer. Ich habe soeben ein Kind geboren- einen wunderschönen, kleinen Knaben. Ich möchte erst einmal mich versorgt wissen, denn ich möchte für unser erstes Stillen entspannt sein. Mit viel Feingefühl näht Steffi den Riss an der Schamlippe. Gemeinsam geben wir uns große Mühe die verbliebenen Eihäute herauszufischen, eigentlich eine urkomische Situation. In dieser Zeit setzt Louis seinen ersten Schiß auf Papas Bauch. Er läßt sich von Steffi wiegen und messen. Louis bekommt sein Häubchen auf, eine Windel an und darf nun endlich an meiner Brust saugen. Er macht das sehr bedächtig und voller Genuss. Ich lege ihn an beiden Seiten an und muß anschließend auf Grund massiver Nachwehen kotzen.

Steffi verabschiedet sich und wir bestaunen Louis. Er sieht seinem großen Bruder sehr ähnlich. Den holt Tomas gegen 22.00 Uhr wieder zu uns. Jonas schläft bis kurz nach 6.00 Uhr und sieht seinen Bruder dann zum ersten Mal. Er ist zärtlich, berührt, vorsichtig und voller Liebe- wie wir auch.

Ich bin für diese Geburt besonders Steffi dankbar, denn ohne sie hätte dieses einmalige Erlebnis nicht auf diese natürliche, ehrfürchtige, leidenschaftliche Art stattfinden können.