Hebamme Stefanie Möller Hebamme Stefanie Möller
Startseite Berufsbiografisches
Geburtsberichte Wissenswertes
Tipps Kontakt

Geburtsbericht

Marias erstes Kind (Sommer 2003)

Ich war schon 4 Tage über dem errechneten Termin. Wir hatten zuvor 3 mal Fehlalarm, der sich nach einem entspannendem Bad immer aufklärte. Nun schrieb das CTG schon wieder ordentliche »Wehenberge«, sogar solche, dass der Arzt diesmal meinte, meinen Muttermund untersuchen zu müssen. Es war ein Sonntagmorgen und wir waren zur Routine im Krankenhaus. »2 cm – da können Sie eigentlich gleich da bleiben!« Als ob ich mit diesen Wehen ein Kind bekommen würde!

Ich ging nach Hause, auch wenn sich Dr. Rudolph sicher war, dass wir uns heute wiedersehen würden. Ich ruhte mich aus, gönnte mir einen Mittagsschlaf und mochte nicht so recht daran glauben, dass es dieses Mal etwas »Richtiges« werden würde. Aber Dr. Rudolph sollte recht behalten.

Meine Wehen verstärkten sich am Nachmittag und kamen in immer regelmäßigeren Abständen. Das war wirklich heftig! Ich entspannte in den Wehenpausen auf dem Pezziball oder in anderen Positionen. Mit Bewegung war es gerade noch auszuhalten. Am späten Abend, nachdem ich noch einmal in die Wanne ging, wurde mir bewußt: jetzt muß es losgehen! Die Wehen kamen jetzt schon aller 3 Minuten. Ich bat Tomas, das Taxi zu rufen.

Ich war des Taxifahrers erste Schwangere, und er war so nervös, dass er den falschen Weg einschlug. Mir machten meine Wehen zu schaffen- so eingequetscht auf dem Beifahrersitz. Nach kleinen Umwegen und einem beeindruckend schönem Vollmond, der riesig über der Elbbrücke strahlte, erreichten wir das Krankenhaus. Kurz bevor ich ausstieg, platzte die Fruchtblase, und ich war klitschnass. Jetzt hatte ich es eilig ins Krankenhaus zu kommen. Es war so gegen 23.00 Uhr.

Die Hektik auf dem Weg zur Station hätte ich mir sparen können, denn dort ließ man uns erst einmal auf dem Gang warten. Ich befreite mich von der triefenden Hose. Bloß gut ich hatte ein kurzes Kleidchen darüber gezogen. Aber eigentlich war es mir egal wie ich aussah, denn ich hatte ordentliche Wehenarbeit zu leisten. Als ich mich in der Wartezone in den Vierfüßlerstand begab, kam eine Hebammenschülerin und fragte, ob es wirklich schon so schlimm sei. Wir kamen in ein Untersuchungszimmer. Die Hebammenschülerin stellte einen Muttermund von ca. 3 cm fest. Ich war enttäuscht! »Möchten Sie ein Schmerzmittel?« »Nein!« Tomas wurde nach unten zur Notaufnahme geschickt, um mich anzumelden. Ich fühlte mich elend- meiner besten Stütze beraubt! Ich lag auf der Seite, hatte das CTG umgeschnallt und sollte eine Weile so verharren. Das lag mir überhaupt nicht! Ich schniefte und stöhnte. Mir wurden zwei Zäpfchen verpaßt, damit der Muttermund besser aufginge. Ich bekam einen höllischen Pressdrang. Die Zäpfchen spuckte mein Po also sofort wieder aus. Jetzt war mir zum Kotzen. Im Liegen(- noch immer!) kotzte ich in ein Schälchen. Das CTG war noch nicht fertig. Mein Kind hatte Herztöne um die 100-120. »Das schläft wohl noch«, meinte Karoline, die Hebammenschülerin. Als ich zum zweiten Übergeben ansetzte, kam Tomas wieder. Das tat gut! »Das Erbrechen ist ein gutes Anzeichen, da liegt der Muttermund meist bei 5 cm.« Etwas war beunruhigend. Ich hatte grünliches Fruchtwasser. Mein Kind verschlief seine Geburt? Nein! Karoline wirkte etwas überfordert. Eine andere Hebamme sah zur Unterstützung nach. Ich äußerte meinen Wunsch auf die Toilette zu wollen, bzw. einen Einlauf zu bekommen, da ich nicht das Gefühl hatte, dass sich mein Darm schon vollständig entleert hatte. »Nein!« Das war nicht möglich. Ich sollte meinen Pressdrang versuchen, wegzuhecheln. Ich hechelte mit Tomas. Ich lag noch immer am CTG. Ich gab mein Bestes, aber diese Hechelei war einfach nicht mein Ding! Ich sollte ruhiger werden. Scheiße, das ging nicht! Ich wollte dem lieber nachgeben, pressen, brüllen, aufstehen, knien...

Wahrscheinlich habe ich auf die anderen panisch gewirkt, jedenfalls kam dann der Arzt und entschied, das es Zeit für den Kreißsaal wäre.

Dort bekamen wir Bettina- eine neue Hebamme. Das stimmte sofort. Bei Bettina fühlte ich mich sehr gut aufgehoben. Bettina gestattete mir Positionswechsel. Das CTG war noch immer dran. Aber ich kniete in einer aufrechten Position. So hatte ich mir das schon eher vorgestellt. Bettina machte sich mit mir sogar noch mal auf dem Weg zum Klo. So richtig klappte es nicht mit dem Stuhlgang. Als wir wieder im Kreißsaal ankamen, überschlugen sich die Ereignisse. Ich war wieder am CTG. Der Arzt kam und blieb(- komischer Weise)! Mein Muttermund hatte sich bald vollständig eröffnet. Dass es meinem Baby nicht so gut ging, realisierte ich kaum. Ich war sehr mit der Atmung beschäftigt, die Bettina anleitete. Tomas war großartig. Er war an meiner Seite und atmete mit mir. Zu meinem Kind sollte ich atmen, sagte mir Bettina in den Wehenpausen immer wieder. Eine kurze Sequenz zeigte mir Herztöne von 74. Der Arzt gab mir ein Schmerzmittel in die linke Armvene. Es war mir zwar nicht egal, ich wollte keine Schmerzmittel, aber in meinem Zustand war ich eines Widerstandes unfähig. Die hätten wahrscheinlich alles mit mir machen können, solange mein Kind bald geboren würde. Dann wurden Halteschalen für die Unterschenkel montiert (ähnlich eines Frauenarztstuhles). Ich saß (so halb) und hatte vernommen, dass es sich jetzt um meine Presswehen handeln würde.

Jetzt schon! Ich dufte jetzt endlich mitpressen. Ich schrie, wie noch nie zuvor in meinem Leben. Der Arzt riet mir, eher den Mund zu schließen und mit angehaltener Luft zu pressen. Machte ich auch! Inzwischen sah es wie folgt aus: links neben mir war Tomas, rechts neben mir war Bettina. Beide stützten mich, dass ich aufrecht saß. Vor mir war der Arzt, daneben wuselte die andere Hebamme, entfernt stand die Kinderärztin. Im Moment der Geburt fragte ich mich noch, warum so viele Leute anwesend waren. Das sollte sich später klären. Meine Beine waren mit einem Tuch abgedeckt, den Arzt sah ich kaum. Neben ihm stand ein fahrbarer Edelstahltisch mit Instrumenten. Es wurde sehr heiß zwischen meinen Beinen. Warme Tücher - Dammschutz? Das war mir sehr angenehm. Der Arzt setzte dann eine lokale Betäubung. Ich war natürlich mit mir beschäftigt und bekam Anweisungen, zu pressen. Ich fühlte mich voller Kraft und Energie. Ich tat alles was nur ging. Dann setzte der Arzt einen Schnitt. Das Einführen der Zange und die Verwendung überhaupt, bekam ich unter der Geburt nicht mit. Ich sollte mitpressen, und das Köpfchen war geboren. Der Arzt gestattete mir, zwischen meinen Beinen das Köpfchen zu fühlen. Voller Vorsicht strich ich darüber. Es war fast geschafft. In der nächsten Wehe stand das Köpfchen noch. Bei der zweiten aber flutschte das Kind heraus. 0:47 Uhr!

Befreiend, erleichternd! Wow! Das ist ein unbeschreiblicher Moment, den sicherlich nur Frauen nachvollziehen können, die ebenfalls geboren haben. Mein Kind kopfüber an den Füßen festgehalten... Die Kinderärztin: »Den nehme ich gleich mit!« Aber der Arzt gab mir mein Baby auf den Busen, nachdem ich mit Bettina schnell mein Kleidchen »wegwurschtelte«.

Er war ganz leise und sah mich aus großen Augen an. Mein Kind! Jonas! Ich strahlte Tomas an! Ich war überwältigt von seiner Schönheit. Dieses kleine Wesen war aus meinem Bauch gekommen. Ich fühlte mich lebendig, noch immer kraftvoll. Die Liebe durchströmte meinen ganzen Körper- ein wundervoller, ehrfürchtiger Augenblick.

Dann mußte ich ihn auch schon wieder hergeben- für erste Untersuchungen. Torsten begleitete Jonas mit der Kinderärztin. Obwohl mein Baby im gleichen Raum war, fühlte ich mich fern. Der Arzt versorgte mich. Jetzt wurde mir das Ausmaß langsam bewußt. Er entführte mir unsanft meine Nachgeburt und nähte, und nähte. So lange wie das dauerte, war das ein riesiger Schnitt. Und es schmerzte. Nach, für mich, endlosen Minuten, kamen Tomas und Jonas wieder zu mir. Bettina hatte mir geholfen, mich etwas vom ersten Mekoniumschiß unseres Sohnes zu befreien. Nun konnten wir Jonas anlegen. Mich erstaunte die Kraft seines Saugens. Es war ein komisches Gefühl. An der anderen Brust schien er weniger interessiert.

Es war Ruhe eingekehrt. Nur wir drei. Der Arzt kam dann noch einmal, um nach der neuen Familie zu sehen. Tomas fragte den Arzt, ob die Zange unausweichlich war. Worauf dieser uns klar machte, dass es um das Wohl unseres Kindes ging und er diese Entscheidung fällen mußte. Ja, das war uns natürlich auch am Wichtigsten. Jonas sollte es gut gehen.

Wir waren glücklich! Unser Glück wurde kaum noch gestört. Nach ca. zwei Stunden wollte mich eine Hebamme zur Dusche begleiten. Aber Aufstehen war nicht drin (das machte mein Kreislauf noch nicht mit)! Tomas wusch mich und schob mich dann im Rollstuhl zum Wehenzimmer. Jonas lag in diesem kleinen Glasbettchen und seufzte friedlich vor sich hin. Man hatte uns das Wehenzimmer zurecht gemacht, da es auf der Station keine freien Betten gab. In einem großen Bett verbrachten wir zu dritt den Rest der Nacht. Es war schön beieinander zu sein. Ich hätte mich nicht gern von Tomas getrennt. So konnten wir gemeinsam unser Kind bestaunen, liebkosen.

Großartig!

Ich habe diesen Bericht 2,5 Jahre nach dem Geburtstag von Jonas geschrieben und inzwischen eine andere Geburt erlebt. Ich habe mich an Aufzeichnungen orientiert. Trotzdem spielt der Abstand auch eine Rolle. Damals war ich mir sicher, dass die Zangengeburt unausweichlich war. Heute denke ich eher skeptischer. Die Geburtsatmosphäre selbst habe ich, für eine Krankenhausgeburt, als human empfunden. Ich fühlte mich von der Hebamme gut begleitet und vom Arzt respektiert. Aber ich fühlte mich an das CTG gefesselt. Im Nachhinein habe ich mich gefragt, wie die Geburt verlaufen wäre, wenn ich nicht hätte vorübergehend liegen müssen. Wenn ich mich die gesamte Zeit, meinen Vorstellungen entsprechend, bewegt hätte.

Ich war die erste Zeit nach der Geburt sehr traurig, keine »normale« Geburt gehabt zu haben. Ich mußte zunächst meine Wunden lecken. Die Schmerzen der Narbe hemmten meinen mütterlichen Umsorgungstrieb dahingehend, dass ich nicht immer so konnte, wie ich wollte. (Das Sitzen gelang mir erst nach 14 Tagen halbwegs schmerzfrei.) Ich konnte mir anfangs auch nicht vorstellen, jemals wieder mit meinem Mann zu schlafen, denn ich fühlte mich sehr verletzt.

Und doch konnte ich diese Erfahrung mit der Zeit gut verarbeiten. Die Geburt habe ich als einen Moment der Stärke erlebt. Ich war von meinen Kräften fasziniert. Ich war froh, dass es Jonas gut ging. Ich bin sehr glücklich, dass ich dieses Geschenk empfangen durfte.