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Geburtsbericht

Julia (Sommer 2006)

Freitagabend kam Julia mit dem Fahrrad von einem beruflichen Termin zurück. Natürlich war sie schon längst im Mutterschutz, schließlich waren wir 10 Tage vor dem errechneten Geburtstermin, aber Julia fühlte sich fit und deshalb war sie an diesem Tag noch einmal zu einer Besprechung im Büro. Sie kam also nach Hause, berichtete, dass im Laufe des Abends wohl die ersten Wehen eingesetzt haben und legte sich aufs Sofa. Wurde es jetzt wirklich ernst?

Ich kramte nach einer Uhr, wurde endlich fündig und maß zuerst einen Abstand von rund fünf Minuten von Wehe zu Wehe, dann war es mal eine Viertelstunde oder zehn Minuten, um sich plötzlich wieder auf drei Minuten zu beschleunigen. Mir war es ganz recht, dass die Wehen noch nicht so eindeutig darauf hindeuteten, dass nun gleich in der anbrechenden Nacht der Nachwuchs auf die Welt kommen sollte. Noch einmal ausschlafen! Vielleicht das letzte Mal für viele Jahre!

Irgendwann beim tapferen Abstandmessen bin ich dann auch eingeschlafen. Gleich nach dem Aufwachen am nächsten Morgen ging es dann allerdings weiter mit dem Vollkritzeln von Zetteln mit Zeiten und dem Beobachten von Julias Gefühlslage. Die Wehenpausen waren in der Nacht locker 30 Minuten lang gewesen, so dass sie auch ein paar Stunden Schlaf zusammensammeln konnte, jetzt am Morgen nahm das Tempo jedoch permanent zu.

Nichtsdestotrotz hatte Julia noch einen überaus gesunden Appetit beim Frühstück - für mich als aufmerksamer Leser verschiedener Schwangerschafts- und Geburtsratgeber und fleißiger Besucher des Geburtsvorbereitungskurses ein sicheres Zeichen dafür, dass die Niederkunft noch längst nicht unmittelbar bevorstand. Womöglich konnte ich noch ein paar weitere Male genüsslich ausschlafen!

Diese Hoffnung erhielt gegen 13:30 Uhr einen Dämpfer: Die Wehenpausen waren jetzt kontinuierlich kürzer als fünf Minuten und ein Anruf bei Heike, der Hebamme, konnte ja schließlich nicht schaden. Beabsichtigt war, dass unser Kind im Hebammenhaus zur Welt kommen sollte. Ein großer Rucksack war seit Tagen gepackt und laut Plan sollte uns ein Taxi die 300 Meter zum Hebammenhaus bringen. Ich schilderte also Heike telefonisch den momentanen Status, doch sie hielt sich mit einem Signal zur Abfahrt noch bedeckt, wollte zunächst bei uns Zuhause prüfen, wie weit fortgeschritten die Wehen waren. Vermutlich hatte sie mich in die Kategorie der überdramatisierenden Männer eingeordnet.

Heike traf um halb 3 ein, untersuchte Julia und zog ihr Fazit: »Also, ihr seid jetzt durchaus unter der Geburt (es klang allerdings mehr wie: »Glaubt bloß nicht, dass ihr heute schon Babyschreie hören werdet!«) Wir könnten natürlich jetzt schon ins Hebammenhaus wechseln, aber da wird euch wahrscheinlich die Decke auf den Kopf fallen. Der Muttermund ist erst rund einen Zentimeter geöffnet und es kann noch viele, viele Stunden dauern, bis er sich weiter öffnet. Am besten ihr schaut ein paar DVDs und lenkt euch damit ab. Möglichst nichts Blutrünstiges, sondern eher etwas mit Julia Roberts oder so. Ruft einfach wieder an, wenn sich etwas tut.« Meine Nachfrage, woran ich denn einen Fortschritt merken würde, entgegnete sie mit: »Du merkst das. Deine Frau wird auf einmal ganz anders sein.«

Heike verschwand also und so auch ich, da ich gerade keinen Julia-Roberts-Film zur Hand hatte, zur benachbarten DVD-Ausleihe. Es war nicht einfach, mich dort in die Seele meiner hochschwangeren Julia zu versetzen und passende Filme auszuwählen. Letztlich wählte ich eine deutsche Komödie, einen Klassiker und eine Tierdoku. Kaum raus aus dem Laden klingelte mein Handy. Es war Julia, ich solle schnellstens nach Hause kommen.

Drei Minuten später wischte ich das Ergebnis der geplatzten Fruchtblase vom Boden. Und überhaupt war Julia wie verwandelt. Sie kauerte ohne Kleidung (es waren mindestens 35° im Dachgeschoss) auf dem Fußboden unseres Badezimmers und sprang bei jeder neuen Wehe vor Schmerzen wieder auf.

Ich griff also zum Telefon: »Heike, Julia ist jetzt tatsächlich ganz anders und außerdem ist die Fruchtblase geplatzt.« Heike versprach, in zehn Minuten im Hebammenhaus zu sein. Zwei Minuten später rief ich sie erneut an: »Heike, wir schaffen’s nicht mehr zum Hebammenhaus, an Anziehen und Taxifahren ist nicht mehr zu denken, bitte komm gleich zu uns nach Hause!«

Zehn Minuten können so verdammt lang sein! Julia stand jetzt nicht mehr auf, sondern blieb im Vierfüßlerstand zwischen Badewanne und Waschmaschine und stöhnte und schrie ihre Schmerzen aus unserer Dachgeschosswohnung über die Dächer der Neustadt. Ich versuchte, die im Vorbereitungskurs gelernte Massage des unteren Rückens, wurde jedoch barsch zur Vermeidung jeglichen Körperkontakts zurückgewiesen und beschränkte mich auf die pure Anwesenheit zwei Meter entfernt an der Badezimmertür. Es war so gegen 16:00 Uhr und endlich kam Heike!

Die schnelle Überprüfung des Muttermunds ergab eine Öffnung von zehn Zentimetern. Von einem auf zehn Zentimeter in rund einer Stunde also - was für Schmerzen muss meine Julia ausgehalten haben, als ich in der Filmausleihe bedächtig zwischen Tierdokus und Hollywood-Schmonzetten auswählte!

Zehn Zentimeter also, Heike konnte schon Haare ertasten, viele Haare. Ich musste dann so einige Gänge erledigen wie Wasserkochen, Handtücherholen, Getränke mit Strohhalm servieren und lümmelte sonst fasziniert und stumm mitleidend an meinem Platz unter dem Türsturz. Immer wieder war ich kurz davor, Witzchen zu reißen, um die Situation etwas aufzulockern und überhaupt etwas beizutragen, zum Glück habe ich aber jeweils davon Abstand genommen. Julia hätte wohl - wie sie später verkündete - jeden erreichbaren Gegenstand in meine Richtung gefeuert.

Dann realisierte ich zum ersten Mal, dass die Geburt nicht noch bis zum nächsten Tag oder zumindest bis in die Nacht dauern würde, denn Heike fragte nach einer genau gehenden Uhr, zum Festhalten des Geburtszeitpunkts. Aber konnte es wirklich so fix gehen? Innerhalb von zwei Stunden? Sowohl Julia als auch ich hatten uns eher auf die Dauer einer Fußball-WM anstelle eines einzelnen Spiels eingestellt.

Annett die zweite Hebamme traf ein, ich konnte jetzt schon von außen das dichte Haarbüschel unseres Babys sehen und dann fragte Julia, wie lange es denn noch dauern könnte. Wie sie mir später berichtete, hatte sie noch immer eine Antwort im Bereich mehrerer Stunden erwartet, aber dann sagte Annett: »Wir können es Dir leider nicht genau sagen; es können noch zwei, vielleicht aber auch noch drei Wehen sein.«

Letztlich waren es zwei Wehen, dann lüftete sich das Geheimnis und es war ein Mädchen, das nach kurzem Abwischen Julia in den Arm gelegt wurde. Ein süßes Mädchen, das vom ersten Moment kerngesund brüllte und die Strapazen sichtlich gut weggesteckt hatte. Auch Julia hat zum Glück nur wenige Blessuren davon getragen. Ein paar Abschürfungen und ziemlich schmerzhafte Nachwehen, aber kein Dammriss oder ähnliche Komplikationen.

Letztlich war die ungeplante Hausgeburt ein Glücksfall, denn wir konnten einfach gleich in unser gewohntes Bett fallen, kuscheln und unsere Tochter in dem Rhythmus kennen lernen, der exakt zu uns und zu ihr passte.

Heute wurde unser Töchterchen eine Woche alt und wir haben gerade die erste BRN mit ihr gefeiert: Im Tragetuch vor Papas Brust hat sie in all dem Trubel ruhig geschlafen, aber wird vermutlich in diesem Moment ganz aufregende Träume haben.