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Geburtsbericht

Charlotte (Sommer 2008)

Die ersten Vorzeichen stellte ich vier Tage vorher fest: Ich wachte mitten in der Nacht auf, weil ich ungewöhnlich viel Schleim zwischen meinen Beinen spürte, der sogenannte Schleimpfropf hatte sich gelöst. Da mein Mann, Edgar, aber vorhatte, sich noch zwei Tage seiner Diplomarbeit zu widmen, wollte ich ihn nicht unnötig verrückt machen. So erzählte ich ihm erst einmal nichts davon und informierte mich noch einmal: Bis die Geburt losgeht, kann es nach Abgang des Schleimpfropfes zwar schnell gehen, aber auch noch 10-14 Tage dauern. Den Tag über hatte ich Schmierblutungen. Nachmittags erzählte ich Edgar davon und wir beschlossen, unsere Hebamme Heike am nächsten Morgen einzuweihen, was wir auch taten. Heike blieb ganz cool und meinte nur, ich solle noch mal Kraft tanken, denn es könne ja jetzt bald losgehen.

Im Laufe des Freitages hatte sich das mit dem Schleim dann gegeben und die Farbe meines Ausflusses normalisierte sich wieder. Samstag allerdings hatte ich ungewöhnlich viel klaren Ausfluss, sodass ich meine Slipeinlage mehrmals wechseln musste. Edgar hatte am Freitag wirklich erst einmal alle Diplomarbeitssachen für ca. einen Monat zur Seite gelegt und so verbrachten wir ein sehr schönes Wochenende mit Action und Entspannung. Ich hatte jedoch so im Gefühl, dass es an dem Tag noch losgeht.

In meinem Schwangerschaftsratgeber hatte ich von einem »hohen Blasensprung« gelesen. Dabei reißt die Fruchtblase an einer höher liegenden Stelle auf und das Fruchtwasser entweicht nur tröpfchenweise. Wenn der Kopf des Kindes (wie in unserem Fall) fest im Beckeneingang sitzt, wirkt er wie eine Art Stöpsel, sodass man keine Angst haben muss, dass das Kind bald im Trockenen liegt. Außerdem wird weiterhin ständig neues Fruchtwasser produziert. Wenn es wirklich bei mir die Fruchtblase ist, dachte ich, werden die Wehen also bald einsetzen und wir müssen keine 10 Tage mehr warten. Ich machte mir also keine Sorgen. Die Schwangerschaft war so komplikationslos abgelaufen, wieso sollte es da bei der Geburt Probleme geben? Das Timing war außerdem perfekt.

Sonntag gingen wir 17 Uhr noch ins Kino. Ich merkte aber, noch bevor der Film richtig losging, dass meine Unterhose ziemlich nass war… Auf der Toilette sah ich nach: Es war nicht so schlimm, das Fruchtwasser kam weiter tröpfchenweise. Edgar fragte: »Und geht’s los? Sollen wir lieber nach Hause gehen?« Aber bis auf die Feuchtigkeit zwischen meinen Beinen ging es mir ja gut, also wollte ich mich lieber ablenken und den Film zu Ende schauen (2,5 h Überlänge!). Gegen Ende verspürte ich immer wieder einen gewissen Druck nach unten und saß nicht mehr so bequem... Danach hatte ich noch Appetit auf einen Vanillemilchshake und so fuhren wir kurz an den McDonald‘s-Drive-in. Auf dem Rückweg im Auto musste ich den Sitz nach hinten stellen, weil das Sitzen sonst sehr unangenehm war. Nun erlebte ich also die geheimnisvollen Wehen: Schmerzen mit einem Druck nach unten und zwischendurch gar nichts. Sie kamen etwa im Abstand von 15-20 Minuten. Jetzt war eigentlich klar, dass die Geburt losging und wir irgendwann in den nächsten 24 Stunden unser Kind in den Armen halten würden. Doch wir blieben cool.

Zurück zu Hause machten wir uns noch etwas zum Abendessen. Danach verspürte ich immer wieder diese wellenartig auf mich zu kommenden leichten Schmerzen und atmete sie aus, zwischendurch las ich in verschiedener Babyliteratur. 23 Uhr gingen wir ins Bett und versuchten zu schlafen, wir sagten uns, dass das ja erst die ersten Wehen seien (im 10-15-minütigen Abstand), und sich das Ganze noch hinziehen könne. Vielleicht müssten wir Heike dann nicht mitten in der Nacht wecken, sondern erst am Morgen… Bald musste ich jedoch so laut atmen, dass ich Edgar empfahl, sich ins andere Zimmer zu legen, damit er noch etwas schlafen und Kraft tanken könne. Denn dass die Geburt jetzt losging, war uns bewusst. Im Geburtsvorbereitungskurs hatte Steffi uns darauf vorbereitet, dass erste Geburten durchschnittlich 12-14 Stunden dauern und man sich am besten auf einen Tag und eine Nacht einstellen solle. So stellten wir uns zunächst auf die Nacht ein.

Gegen 3 Uhr konnte ich es aber nicht mehr alleine aushalten und stöhnte beim Gang auf die Toilette so laut, dass Edgar rüberkam und ich ihn bat, jetzt nicht mehr wegzugehen. Ich brauchte seine moralische Unterstützung. Mindestens zweimal hatte ich Durchfall und zweimal musste ich mich übergeben, so entleerte sich mein Darm von selbst (ohne Einlauf). Edgar zeichnete nun auf, in welchen Abständen die Wehen kamen und wie lange sie dauerten. Die Abstände waren über 20 Minuten Beobachtung hin nur noch 2 Minuten. Als Regel sagt man immer, dass man bei Wehen im Abstand von 5 Minuten die Hebamme anrufen oder sich ins Krankenhaus begeben soll. Selbst dann hängt es immer noch davon ab, wie weit der Muttermund auf ist, und kann noch eine Weile dauern.

Ich war schon etwas länger dafür gewesen, Heike anzurufen, aber Edgar wollte erst mal noch die Wehenabstände über einen etwas längeren Zeitraum beobachten. Für ihn war es jedoch auch bald eindeutig. So rief er Heike an und ich hörte ihn mit betont ruhiger Stimme sagen, dass es bei uns loszugehen scheint. Heike empfahl, in die Badewanne zu gehen und zu sehen, ob die Wehen nachlassen oder ob es mir zumindest etwas Entspannung verschafft. Eine Viertelstunde später sollten wir noch mal anrufen und sagen, ob sie kommen soll. Mir war eigentlich in dem Moment schon danach und ich konnte mir nicht vorstellen, wie ich es mit diesen Wehen noch ins Geburtshaus schaffen soll. Edgar rief Heike dann noch mal und bat sie zu kommen – sie hatte sich schon darauf eingestellt, weil sie mich im Hintergrund stöhnen gehört hatte.

Als sie da war, entschieden wir, nicht mehr ins Geburtshaus zu fahren. Ich war so erleichtert, zu Hause bleiben zu können. Während ich in der Badewanne lag, mich bei den Wehen am Wannenrand festkrallte und jammerte, gab mir Edgar manchmal einen Waschlappen zum Draufbeißen. Er befürchtete wohl, dass die Nachbarn mich sonst hören – mir war das in dem Moment egal. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass unsere Nachbarn rein gar nichts mitbekommen haben, obwohl sie ihr Schlafzimmer direkt unter unserem haben! Edgar erzählte mir später, dass er erleichtert war, als Heike dann da war und dass es für ihn die ersten Stunden sehr schlimm war, mich so leiden zu sehen und hilflos danebenzustehen.

Für Heike war anhand meines Gebärdens sofort klar, dass die Geburt schon in vollem Gange war. Sie überprüfte immer mal die Herztöne des Kindes und schaute erst nach einer ganzen Weile nach, wie weit mein Muttermund geöffnet war. Da war er schon ganz offen! Edgar wurde nach unseren Dokumenten gefragt und musste zum Auto gehen, da wir die Geburtstasche bereits dort verstaut hatten. Wir wollten ja gut vorbereitet sein. Nachdem ich mich einige Stunden (!) lang bei Kerzenschein in der Wanne den Wehen hingegeben hatte, raffte ich mich auf, mit Hilfe der anderen ins andere Zimmer zu gehen und ein paar andere Positionen auszuprobieren. Bereits in der Wanne hatten die Presswehen eingesetzt und mein Stöhnen wurde zu einem Ächzen.

Irgendwann hatte Heike Annett, die wir letzten Samstag kennengelernt hatten, als zweite Hebamme dazugerufen. Die Zwei suchten sich in unserer Wohnung an Handtüchern, Waschlappen, Kaffee etc., was sie brauchten. Heike tupfte mir mit warmem Kaffee den Damm ab.

In unserem Schlafzimmer stand ich, stützte mich am Schreibtisch ab und kreiste die Hüften, setzte mich auf einen von Heike mitgebrachten Gebärhocker und nahm den Vierfüßlerstand ein. Die Positionen wurden immer mal gewechselt. Einmal hielt ich mich stehend an Edgar fest und stampfte (um die Schwerkraft wirken zu lassen) und es war, als würden wir tanzen. Im Hintergrund lief die von mir zusammengestellte Geburts-CD mit teilweise kitschig-romantischen, eher ruhigen Liedern, die ich gern habe.

Edgar sagte mir zwischendurch immer mal, wie spät es ist, um mich zu ermutigen, dass ich schon so lange durchgehalten habe. Nach seiner 6-Uhr-Ansage teilte ich ihm mit, dass ich das lieber nicht wissen möchte. Es brachte ja nichts, er konnte mir ja nicht sagen, wann die Schmerzen ein Ende nehmen würden.

Gegen Ende saß ich vor allem auf dem Hocker oder in der tiefen Hocke, in beiden Positionen saß Edgar am Fußende unseres Bettes und stützte mich von hinten. Dann kam der Moment, in dem ich den Kopf unseres Kindes tasten konnte: weiche Haut, flauschige Haare. Ab da dauerte es aber auch noch einmal eine ganze Weile… Ich presste und presste und hoffte, dass ich mental durchhalten würde. Denn von meinem Gefühl her tat sich nichts und manchmal merkte ich sogar, wie sich der Kopf nach vorne und dann wieder nach hinten schob, das frustrierte mich natürlich. Einmal, als mich Heike und Annett wieder einmal lobten, wie stark ich sei und wie gut ich das machte, reagierte ich mit »Danke« und alle amüsierten sich, dass ich in so einer Situation noch so höflich war. Ich schaffte es auch immer mal noch zu lächeln oder Edgar einen Kuss zu geben (zumindest während der Eröffnungswehen in der Badewanne).

Irgendwann kam dann der ganze Kopf durch. Das tat nicht mehr weh, als es das sowieso schon die ganze Zeit getan hatte. Nachdem der Kopf durch war, konnte ich nicht glauben, dass nun auch gleich der Körper folgen und das Ganze vorbei sein würde. Aber ein oder zwei Wehen später flutschte der ganze Körper unseres Kindes mit einem Schwall Fruchtwasser heraus! Ich erblickte das Gesicht unseres Kindes und war sofort hin und weg: Es war so unglaublich feingliedrig, zart und schön… Wunderbarer, als ich es mir je hätte vorstellen können! Das Gefühl dabei war unbeschreiblich. Ich sah nicht richtig, ob es wirklich ein Junge war, und fragte nach. Aber es war, wie mehrmals im Ultraschall gesehen, wirklich ein Junge, unser Sohn. Um 7:33 Uhr erblickte er das Licht der Welt. Danach konnte ich mich einfach hinter auf unser Bett fallen lassen und sie legten mir den Kleinen an der Nabelschnur auf den Bauch. Edgar war neben mir auf dem Bett und wir wurden 10 Minuten mit unserem Familienglück allein gelassen. In der Zeit pulsierte die Nabelschnur noch. Wir bestaunten unseren Kleinen, für den wir uns schon vor Monaten den Namen Timon ausgesucht haben. Dann kamen unsere zwei lieben Hebammen wieder rein und Edgar durfte die Nabelschnur durchschneiden.

Die Nachgeburt kam mit einer Wehe ohne Probleme und wir schauten Heike zu, wie sie die Plazenta untersuchte. Ich war etwas gerissen (was ich aber nicht gemerkt habe) und musste mit drei Stichen genäht werden. Es war unangenehm, aber durch die örtliche Betäubung mit einem Gel erträglich – und außerdem waren Edgar und ich ja mit Timon beschäftigt.

Trinken wollte er leider nicht sofort, das versuchten wir dann später noch einmal mit Heikes Hilfe. Annett ging irgendwann. Heike war noch eine ganze Weile da, maß und wog unseren Kleinen und füllte die Geburtsbescheinigung aus. Dann ließ sie uns gegen 10 Uhr allein und versprach, abends noch einmal vorbeizuschauen.

Den Tag über versuchten wir, etwas Schlaf nachzuholen, lernten unseren Timon kennen (wir liebten ihn ja bereits vom ersten Moment an) und teilten unserer Familie und den engsten Freunden die frohe Nachricht per SMS mit. Später telefonierten wir auch noch mit unseren Familien. Die Freude war auf allen Seiten groß – genauso wie die Überraschung über die ungeplante Hausgeburt. Aber ich bin so froh, dass es zu Hause passiert ist, wir hatten es uns vorher einfach nur nicht getraut, es gleich so zu planen. Es hat mich sehr entspannt, in bekannten Räumen bleiben zu können und nach der Geburt nicht die Treppen zu unserer Wohnung hochkriechen zu müssen. Der Geburtsvorbereitungskurs und eine optimistische Grundeinstellung haben dazu beigetragen, dass die Geburt unseres ersten Kindes ein sehr positives Erlebnis für uns war. Danke, Steffi!